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Kaliumsalz für den Blutdruck

Herz + Gefäße 8 Min. Lesezeit 07. Feb 2026

Kaliumsalz für den Blutdruck

Kaliumsalz für den Blutdruck

Eine einfache Küchen-Intervention für Ihre Gefäße

– und für wen sie nicht geeignet ist

Der unterschätzte Hebel

In der Longevity-Welt wird Schlaf optimiert, Blutzucker getrackt, Supplements genommen. Es wird über Rapamycin und Metformin diskutiert. VO2max und biologisches Alter werden gemessen.

Aber eine der einfachsten, günstigsten und am besten belegten Interventionen steht in fast jeder Küche – und wird übersehen: der Salzstreuer.

Genauer gesagt: Was drin ist.

Warum Blutdruck für Longevity so wichtig ist

Blutdruck ist ein Thema, das wenig Aufmerksamkeit bekommt. Er tut nicht weh. Man spürt ihn nicht. Aber er ist einer der wichtigsten Treiber von Gefäßalterung.

Jeder mmHg zählt – über Jahre und Jahrzehnte. Ein chronisch erhöhter Blutdruck beschleunigt Arteriosklerose, erhöht das Schlaganfall-Risiko, belastet Herz und Nieren. Das Gefäßsystem altert schneller.

Das Problem: In Deutschland liegt die durchschnittliche Salzaufnahme bei Männern um 10 Gramm pro Tag, bei Frauen um 8,4 Gramm. Die WHO empfiehlt weniger als 5 Gramm. Die meisten von uns essen also deutlich zu viel Salz – und merken es nicht.

Was ist Kaliumsalz?

Reguläres Kochsalz besteht aus Natriumchlorid (NaCl). Kaliumsalz – oder genauer: Kalium-Mischsalz – ersetzt einen Teil des Natriums durch Kaliumchlorid (KCl).

Die typische und am besten untersuchte Mischung: etwa 75% Natriumchlorid, 25% Kaliumchlorid.

Das klingt banal. Ist es auch. Aber die Wirkung ist doppelt:

Weniger Natrium

Natrium hält Wasser im Körper zurück und erhöht das Blutvolumen. Weniger Natrium bedeutet weniger Druck auf die Gefäßwände.

Mehr Kalium

Kalium hilft, überschüssiges Natrium auszuscheiden, und entspannt die Blutgefäße. Es wirkt dem Natrium direkt entgegen.

Der Austausch ist also nicht neutral – er verschiebt das Verhältnis in die richtige Richtung.

Was die Studien zeigen

1 Blutdrucksenkung

Meta-Analysen zeigen eine Blutdrucksenkung von etwa 4-5 mmHg systolisch und 1-2 mmHg diastolisch. Das klingt wenig, ist aber klinisch relevant – vergleichbar mit manchen Blutdruckmedikamenten.

Eine aktuelle Netzwerk-Meta-Analyse (2026, 34 RCTs, über 37.000 Teilnehmer) bestätigt: Moderate Kalium-Mischsalze (25-40% KCl) senken den systolischen Blutdruck um etwa 4,4-4,6 mmHg.

2 Harte Endpunkte

Hier wird es interessant. Denn Blutdrucksenkung allein ist nur ein Surrogatparameter. Was zählt, sind Schlaganfälle, Herzinfarkte, Todesfälle.

Die SSaSS-Studie (NEJM 2021)

Die größte und wichtigste Studie: Fast 21.000 Teilnehmer in China, über 5 Jahre.

Weniger Schlaganfälle
Weniger kardiovaskuläre Ereignisse
Geringere Gesamtsterblichkeit
Kein Anstieg schwerer Hyperkaliämie-Ereignisse
Die DECIDE-Salt-Studie (Nature Medicine 2024)

Systematische Einführung von Kaliumsalz in 48 Pflegeheimen.

Blutdrucksenkung von 7,1 mmHg systolisch
Kardiovaskuläre Ereignisse um 40% reduziert (HR 0,60)
Mehr biochemische Hyperkaliämie im Labor, aber keine klinischen Komplikationen
Meta-Analyse langfristiger Studien (Annals of Internal Medicine 2024)
Reduktion der Gesamtsterblichkeit um etwa 12%
Kardiovaskuläre Sterblichkeit um 17% reduziert

Das sind beeindruckende Zahlen für eine so einfache Intervention.

Was die Leitlinien sagen

Lange war Kaliumsalz ein Geheimtipp. Das ändert sich gerade.

ESH 2023 (Europäische Hypertonie-Gesellschaft)

Salzsubstitute werden für Erwachsene mit Hypertonie und hoher Natriumzufuhr empfohlen – Klasse I, Evidenzgrad A. Das ist die höchste Empfehlungsstufe.

ESC 2024 (Europäische Kardiologen)

Bei Hypertonie ohne moderate bis fortgeschrittene Nierenerkrankung "sollte eine Erhöhung der Kaliumzufuhr durch kaliumangereichertes Salz (75/25) erwogen werden" – IIa A.

WHO 2025

Die Weltgesundheitsorganisation hat eine eigene Leitlinie zu "Lower-Sodium Salt Substitutes" veröffentlicht.

Kurz: Die großen Fachgesellschaften sind an Bord.

Für wen ist es geeignet?

Klare Empfehlung

Menschen mit Bluthochdruck, die viel selbst kochen und keine der unten genannten Kontraindikationen haben. Hier ist der Hebel am größten.

Sinnvoll erwägen

Menschen mit hochnormalem Blutdruck oder kardiovaskulären Risikofaktoren, die ihren Salzkonsum nicht drastisch reduzieren wollen oder können. Kaliumsalz ist keine Ausrede für mehr Salz – aber wenn Sie salzen, dann besser so.

Auch für Gesunde?

Die Evidenz geht mittlerweile über Hypertonie-Patienten hinaus. Ein Review im Journal "Hypertension" (März 2024) – dem wichtigsten amerikanischen Fachjournal für Bluthochdruck – hat einen konkreten Leitlinienvorschlag formuliert:

Für Patienten mit Bluthochdruck:

Kaliumsalz (75% NaCl, 25% KCl) sollte allen empfohlen werden, sofern keine fortgeschrittene Nierenerkrankung, Kalium-Supplemente oder kaliumsparende Diuretika vorliegen.

Für die Allgemeinbevölkerung:

Wenn Salz verwendet wird, kann Kaliumsalz auch für Gesunde empfohlen werden – vorausgesetzt, schwere unerkannte Nierenerkrankungen sind in der Bevölkerung selten und die Kontraindikationen sind auf der Verpackung angegeben.

In Deutschland, wo das Gesundheitssystem gut funktioniert und schwere Nierenerkrankungen selten unentdeckt bleiben, spricht aus unserer Sicht wenig dagegen, dass auch Gesunde ohne Risikofaktoren Kaliumsalz verwenden. Die Studienlage zeigt: Es ist sicher, wenn die Kontraindikationen beachtet werden.

Für wen ist es NICHT geeignet?

Das ist der wichtigste Abschnitt. Kaliumsalz ist für die meisten Menschen sicher. Aber einige Gruppen sollten es nicht verwenden:

Nierenerkrankung

Bei eingeschränkter Nierenfunktion (moderate bis fortgeschrittene CKD, etwa ab Stadium 3b-4) kann Kalium nicht effektiv ausgeschieden werden. Hier droht Hyperkaliämie – ein potenziell gefährlicher Kaliumanstieg im Blut. Dies kann sich vor allem in bedrohlichen Herzrhythmusstörungen äußern.

Kalium-sparende Diuretika

Medikamente wie Spironolacton, Eplerenon, Amilorid oder Triamteren erhöhen bereits den Kaliumspiegel. In Kombination mit Kaliumsalz kann das kritisch werden.

Kalium-Supplemente

Wer bereits Kalium supplementiert (auch über "Elektrolyt-Pulver"), sollte vorsichtig sein.

Morbus Addison

Diese seltene Nebennierenerkrankung erfordert eine genaue Kontrolle des Kaliumspiegels.

Ältere Menschen

Nicht pauschal ausgeschlossen, aber die Nierenfunktion nimmt mit dem Alter ab. Hier gilt: erst Nierenwerte prüfen, dann entscheiden.

ACE-Hemmer / Sartane

Diese häufigen Blutdruckmedikamente können den Kaliumspiegel ebenfalls erhöhen. Kein absolutes Ausschlusskriterium, aber ein Grund für Monitoring.

Im Zweifel: Kreatinin, Cystatin C, eGFR und Kalium bestimmen lassen, bevor Sie umstellen.

Praktische Umsetzung

Produktauswahl

In Deutschland sind verschiedene Kalium-Mischsalze erhältlich:

  • Bad Reichenhaller AlpenJodSalz + Kalium (etwa 70% NaCl, 30% KCl, jodiert)
  • Blutdruck-Salz / Diätsalz verschiedener Hersteller
  • Lo-Salt (etwa 66% KCl – höherer Kaliumanteil, kann bitterer schmecken)

DIY-Variante

Reines Kaliumchlorid ist ebenfalls erhältlich und kann selbst gemischt werden. Ein Verhältnis von 1 Teil KCl zu 3 Teilen jodiertem Kochsalz ergibt die empfohlene 25%-Mischung. Vorteil: Sie behalten die Jodierung Ihres gewohnten Salzes.

Achten Sie auf: Enthält das Produkt Jod? Viele Menschen beziehen ihr Jod über jodiertes Salz. Wenn Sie umstellen, sollte das neue Salz ebenfalls jodiert sein – oder Sie stellen die Jodversorgung anders sicher (Seefisch, Milchprodukte, ggf. Supplement).

Umstellung

Nicht sofort komplett umstellen. Manche Menschen berichten einen leicht metallischen oder bitteren Geschmack bei hohem KCl-Anteil.

Empfehlung:

Erst beim Nachwürzen am Tisch verwenden. Nach 1-2 Wochen auch beim Kochen. Wenn der Geschmack stört: Produkt mit niedrigerem KCl-Anteil wählen oder mit Gewürzen/Säure (Zitrone, Essig) arbeiten.

Was es NICHT bedeutet

Kaliumsalz ist kein Freifahrtschein für mehr Salz. Die Empfehlung bleibt: weniger salzen. Aber wenn Sie salzen, dann besser mit Kalium-Mischsalz.

Der größte Teil des Salzes in westlicher Ernährung kommt ohnehin aus verarbeiteten Lebensmitteln und Essen außer Haus – nicht aus dem Salzstreuer. Der Effekt ist also am größten bei Menschen, die viel selbst kochen.

Messbarkeit

Wie bei allem in der Longevity: Messen ist besser als glauben.

Einfache Variante

7 Tage Blutdruck-Protokoll vor der Umstellung (morgens und abends), dann 2-4 Wochen mit Kaliumsalz, dann erneut messen. Idealerweise mit einem validierten Oberarm-Messgerät.

Gründliche Variante

24-Stunden-Blutdruckmessung vorher und nachher. Das zeigt auch, ob nächtliche Werte sich ändern.

Wenn Sie zu uns kommen: Wir können das in Ihr Monitoring-Protokoll integrieren.

Limitationen ehrlich benennen

Die Evidenz ist stark – aber nicht perfekt.

Studienpopulationen

Die großen Outcome-Studien (SSaSS, DECIDE-Salt) stammen aus China, wo der Anteil des selbst zugesetzten Salzes ("discretionary salt") höher ist als in westlichen Ländern. In Deutschland, wo viel Salz aus Fertigprodukten kommt, könnte der individuelle Effekt geringer ausfallen.

Generalisierbarkeit

Die Netzwerk-Meta-Analyse weist explizit darauf hin, dass die Ergebnisse stark von den großen chinesischen Studien geprägt sind.

Biochemische vs. klinische Hyperkaliämie

In Studien steigt der Kaliumspiegel im Labor manchmal leicht an – ohne klinische Konsequenzen. Aber bei Risikogruppen ist Vorsicht geboten.

Das heißt nicht, dass Kaliumsalz nicht wirkt. Es heißt, dass wir die Grenzen der Evidenz kennen sollten.

Fazit

Kaliumsalz ist eine der einfachsten evidenzbasierten Maßnahmen für Blutdruck und Herzgesundheit. Die Evidenz ist stark, die Leitlinien sind mittlerweile eindeutig, die Umsetzung ist trivial.

Für Menschen mit Bluthochdruck ohne Nierenerkrankung ist es fast ein No-Brainer – sofern keine Kontraindikationen vorliegen.

Für Gesunde mit normaler Nierenfunktion ist es eine sinnvolle Option, wenn sie ohnehin salzen.

Es ersetzt keine anderen Maßnahmen – nicht die Blutdruckmedikamente, nicht die Bewegung, nicht die Gewichtsreduktion. Aber es ist ein kleiner Hebel mit guter Evidenz, der in jede Küche passt.

Unsere Empfehlung: Wenn Sie salzen, dann mit Kalium-Mischsalz. Aber prüfen Sie vorher, ob Sie zu einer Risikogruppe gehören. Im Zweifel: Nierenwerte und Kalium bestimmen lassen.

„Weniger salzen bleibt das Ziel. Kaliumsalz macht das ‚Wenn schon, dann wenigstens besser'."

Weiterführende Literatur & Wissenschaft

Für alle, die tiefer einsteigen wollen, haben wir hier die wichtigsten Studien zusammengestellt, auf die wir uns in diesem Artikel beziehen.

1 Outcome-Studien

Effect of Salt Substitution on Cardiovascular Events and Death (2021)

Neal B, Wu Y, Feng X et al. N Engl J Med 2021;385:1067-1077.

Die SSaSS-Studie: Fast 21.000 Teilnehmer über 5 Jahre. Zeigt signifikante Reduktion von Schlaganfall, kardiovaskulären Ereignissen und Gesamtsterblichkeit durch Kaliumsalz.

Link zur Studie (PubMed) →
Salt substitution and salt-supply restriction for lowering blood pressure in elderly care facilities (2023)

Yuan Y, Jin A, Neal B, Feng X, Qiao Q, Wang H et al. Nat Med 2023;29:973-981.

Die DECIDE-Salt-Studie: Cluster-RCT in 48 Pflegeheimen in China. 7,1 mmHg Blutdrucksenkung, 40% weniger kardiovaskuläre Ereignisse (HR 0,60).

Link zur Studie (PubMed) →

2 Meta-Analysen

Long-Term Effect of Salt Substitution for Cardiovascular Outcomes: A Systematic Review and Meta-analysis (2024)

Greenwood H, Barnes K, Clark J et al. Ann Intern Med 2024;177:643-655.

Zeigt 12% Reduktion der Gesamtsterblichkeit (RR 0,88) und 17% Reduktion der kardiovaskulären Sterblichkeit (RR 0,83) durch Kaliumsalz.

Link zur Studie (Annals) →

3 Leitlinien

2023 ESH Guidelines for the management of arterial hypertension (2023)

Mancia G, Kreutz R, Brunström M et al. J Hypertens 2023;41(12):1874-2071.

Europäische Hypertonie-Leitlinie mit Klasse I / Evidenzgrad A Empfehlung für Salzsubstitute.

Link zur Studie (PubMed) →
Potassium-Enriched Salt Substitutes: A Review of Recommendations in Clinical Management Guidelines (2024)

Xu X, Zeng L, Jha V, Cobb LK, Shibuya K, Appel LJ, Neal B, Schutte AE. Hypertension 2024;81(3):400-414.

Umfassender Review mit Leitlinienvorschlägen für Hypertoniker und die Allgemeinbevölkerung.

Link zur Studie (PubMed) →

Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels

Longevity Office

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