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Lp(a)

Herz + Gefäße 8 Min. Lesezeit 16. Feb 2026

Lp(a)
Laborwerte verstehen

Lp(a): Der übersehene Risikofaktor in Ihrem Blut

Warum dieser genetische Marker so wichtig ist – und was Sie trotzdem tun können

Da steht ein Wert, den Sie vielleicht noch nie gesehen haben: Lp(a). Oder ausgeschrieben: Lipoprotein(a). Vielleicht hat Ihr Arzt ihn zum ersten Mal bestimmt. Vielleicht ist er erhöht. Und jetzt fragen Sie sich: Was bedeutet das? Ist das schlimm? Und vor allem: Was kann ich tun?

Die Antwort auf die letzte Frage ist anders als bei den meisten Laborwerten. Denn Lp(a) ist zu 70–90% genetisch festgelegt. Sie können ihn durch Ernährung und Sport kaum beeinflussen. Aber – und das ist wichtig – Sie können trotzdem etwas tun. Nur eben anders, als Sie vielleicht denken.

In diesem Artikel erklären wir, was Lp(a) ist, warum etwa jeder Fünfte erhöhte Werte hat, und wie Sie Ihr Gesamtrisiko trotz eines ungünstigen Lp(a)-Wertes in den Griff bekommen.

Auf einen Blick

Werte und Risikoschwellen

Kategorie nmol/L mg/dL (ca.) Einordnung
Normal < 75 < 30 Kein erhöhtes Risiko
Erhöht 75–125 30–50 Moderat erhöhtes Risiko
Hoch 125–180 50–75 Deutlich erhöhtes Risiko
Sehr hoch > 180 > 75 Vergleichbar mit familiärer Hypercholesterinämie

Messung: Was Sie wissen sollten

Aspekt Was wichtig ist
Wie oft messen? Einmal im Leben reicht (genetisch stabil)
Nüchtern nötig? Nein, Lp(a) ist mahlzeitenunabhängig
Schilddrüse prüfen Hypothyreose kann Lp(a) verfälschen (erhöhen)
Einheiten beachten nmol/L bevorzugt; Umrechnung zu mg/dL nur näherungsweise möglich

Was Sie tun können

Situation Empfehlung
Lp(a) erhöht, sonst gesund Andere Risikofaktoren konsequent optimieren (LDL/ApoB, Blutdruck, Insulinsensitivität)
Lp(a) hoch + weitere Risiken Aggressive Risikofaktorkontrolle, ggf. PCSK9-Hemmer
Lp(a) sehr hoch + ASCVD Spezialisierte Lipidambulanz, ggf. Apherese
Familie betroffen? Kaskaden-Screening der Verwandten

Was ist Lp(a)?

Lp(a) – gesprochen "L-P-klein-a" – ist ein Lipoprotein, das im Grunde wie ein LDL-Partikel aussieht, aber mit einem Zusatz: einem Protein namens Apolipoprotein(a), das kovalent an das ApoB des LDL gebunden ist.

Man kann sich Lp(a) als "LDL mit Klettverschluss" vorstellen. Dieses zusätzliche Protein macht den Partikel besonders klebrig – er haftet leichter an Gefäßwänden und fördert dort Ablagerungen.

Warum ist Lp(a) gefährlich?

Lp(a) vereint mehrere ungünstige Eigenschaften:

1

Atherogen: Es trägt Cholesterin in die Gefäßwand – wie LDL

2

Prothrombotisch: Das Apo(a) ähnelt strukturell dem Plasminogen und kann die Fibrinolyse hemmen

3

Proinflammatorisch: Es transportiert oxidierte Phospholipide (OxPL), die Entzündungen fördern

Diese Kombination macht Lp(a) zu einem besonders effektiven "Plaque-Baustein".

Die genetische Komponente

Hier liegt der entscheidende Unterschied zu anderen Lipidwerten: Ihr Lp(a)-Spiegel ist zu 70–90% genetisch determiniert. Er wird hauptsächlich durch Varianten im LPA-Gen bestimmt, das für die Größe des Apo(a)-Proteins kodiert.

Was das praktisch bedeutet

  • Einmal messen reicht: Ihr Lp(a) ändert sich im Laufe des Lebens kaum
  • Lifestyle hat wenig Einfluss: Ernährung und Sport verschieben den Wert nicht relevant
  • Familienanamnese zählt: Wenn ein Elternteil hohes Lp(a) hat, besteht 50% Wahrscheinlichkeit, dass Sie es geerbt haben

Ausnahmen: Wann sich Lp(a) doch ändert

Faktor Effekt auf Lp(a)
Unbehandelte Hypothyreose ↑ Erhöht (bis zu 30%)
Niereninsuffizienz ↑ Erhöht
Akute Entzündung ↑ Erhöht
Schwangerschaft ↑ Erhöht
Schwere Lebererkrankung ↓ Erniedrigt

Wichtig: Vor einer Lp(a)-Messung sollte die Schilddrüsenfunktion bekannt sein. Eine unbehandelte Unterfunktion kann den Wert verfälschen – und nach Behandlung mit L-Thyroxin sinkt Lp(a) oft deutlich (bis zu 32%).

Das Einheiten-Problem

Wenn Sie Laborbefunde vergleichen, werden Sie auf zwei verschiedene Einheiten stoßen:

  • nmol/L – misst die Anzahl der Partikel
  • mg/dL – misst die Masse

Warum die Umrechnung problematisch ist

Normalerweise kann man Laborwerte einfach umrechnen. Bei Lp(a) funktioniert das nicht zuverlässig. Der Grund: Das Apo(a)-Protein existiert in verschiedenen Größenvarianten (Isoformen). Je nach Isoform wiegt ein Lp(a)-Partikel unterschiedlich viel.

Das bedeutet: Zwei Personen können dieselbe Partikelzahl (nmol/L) haben, aber unterschiedliche Masse (mg/dL) – oder umgekehrt.

Die "Best Guess" Umrechnung

Richtung Faktor
mg/dL → nmol/L × 2,5
nmol/L → mg/dL × 0,4

Aber: Die EAS empfiehlt, wenn möglich nmol/L zu verwenden und auf Umrechnung zu verzichten.

Prävalenz: Wie häufig ist erhöhtes Lp(a)?

Erhöhte Lp(a)-Werte sind keine Seltenheit:

  • ~20–25% der Weltbevölkerung haben Werte über 50 mg/dL (>125 nmol/L)
  • Das entspricht etwa 1,5 Milliarden Menschen
  • Die Verteilung variiert ethnisch (höher bei Menschen afrikanischer Abstammung)

Trotzdem wird Lp(a) in der Routinediagnostik oft nicht gemessen. Viele Menschen erfahren nie, dass sie einen erhöhten Wert haben.

Unsere Empfehlung

Jeder Erwachsene sollte seinen Lp(a)-Wert einmal im Leben kennen. Besonders wichtig ist die Messung bei:

  • Familiärer Vorbelastung für frühe Herzinfarkte
  • Bekannter familiärer Hypercholesterinämie
  • Persönlicher Herz-Kreislauf-Erkrankung ohne klassische Risikofaktoren
  • Unklarem Restrisiko trotz optimaler LDL-Senkung

Lp(a) und Herz-Kreislauf-Risiko

Was die Forschung zeigt

Große genetische Studien (Mendelsche Randomisierung) haben gezeigt: Der Zusammenhang zwischen Lp(a) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist kausal, nicht nur eine Korrelation. Hohes Lp(a) verursacht Atherosklerose – es ist nicht nur ein Begleitphänomen.

Das EAS Consensus Statement 2022 betont:

  • Das Risiko steigt kontinuierlich mit der Lp(a)-Konzentration
  • Es gibt keinen sicheren "Schwellenwert" – auch moderate Erhöhungen zählen
  • Lp(a) interagiert mit anderen Risikofaktoren (multipliziert das Risiko)

Nicht nur Herzinfarkt

Lp(a) erhöht nicht nur das Risiko für koronare Herzkrankheit:

Erkrankung Risikoerhöhung bei hohem Lp(a)
Koronare Herzkrankheit 2–3×
Aortenklappenstenose 2–3× (Verkalkung!)
Periphere arterielle Erkrankung (pAVK) 2–3×
Abdominales Aortenaneurysma 2–3×
Ischämischer Schlaganfall ~1,5×

Besonders die Aortenklappenstenose wird oft übersehen. Lp(a) fördert die Kalzifizierung der Aortenklappe – ein Mechanismus, der unabhängig von der klassischen Atherosklerose läuft.

Medikamente und Lp(a)

Was aktuell verfügbar ist

Die ehrliche Antwort: Es gibt derzeit kein zugelassenes Medikament, das spezifisch und sicher Lp(a) senkt und dabei nachweislich Herzinfarkte verhindert.

Medikament Effekt auf Lp(a) Outcome-Daten
Statine ↑ +10–20% (!) Trotzdem empfohlen – LDL-Senkung überwiegt
Niacin ↓ -20–30% Kein CV-Benefit in Studien
PCSK9-Hemmer ↓ -23–27% Positiv (Nebeneffekt der LDL-Senkung)
Lipoprotein-Apherese ↓ -30–35% Bei Hochrisiko-Patienten

Statine erhöhen Lp(a) – trotzdem nehmen?

Ja. Eine Meta-Analyse (Tsimikas et al., 2020) bestätigte: Statine erhöhen Lp(a) im Schnitt um etwa 11%. Das klingt paradox.

Aber: Die massive LDL-Senkung durch Statine überkompensiert diesen Effekt bei weitem. Patienten mit hohem Lp(a) profitieren von Statinen – sie sollten sie keinesfalls weglassen.

Die Zukunft: Gezielte Lp(a)-Senkung

Stand Februar 2026 befinden sich mehrere hochpotente Lp(a)-Senker in der späten Entwicklung:

Wirkstoff Mechanismus Lp(a)-Senkung Status
Pelacarsen Antisense-Oligonukleotid -70 bis -95% Phase 3 (HORIZON) – Ergebnisse Q1/Q2 2026
Olpasiran siRNA >95% Phase 3
Lepodisiran siRNA ~95% Phase 3 (Ergebnisse ~2029)
Muvalaplin Oral (!) Phase 2 Erste orale Option

Wichtige Erkenntnis: Neue Daten zeigen, dass Olpasiran zwar Lp(a) massiv senkt, aber nicht die systemische Entzündung (hs-CRP, IL-6 bleiben gleich). Lifestyle für Entzündungskontrolle bleibt also wichtig – die "Pille gegen Lp(a)" wird kein Freifahrtschein.

Das Saturated-Fat-Paradox

In der Recherche stößt man auf eine scheinbar widersprüchliche Beobachtung:

Befund: Wenn Menschen weniger gesättigte Fette essen, steigt ihr Lp(a) leicht an (um ~8–15%).

Sollte man also mehr Butter essen?

Nein. Die Rechnung geht nicht auf:

Effekt Gesättigte Fette ↑ Gesättigte Fette ↓
Lp(a) ↓ -10% ↑ +10%
ApoB/LDL ↑ +30%
Entzündung
Netto-Risiko ↑↑

Der minimale Lp(a)-Effekt wird durch den massiven Anstieg der atherogenen ApoB-Partikel mehr als aufgefressen. Wir opfern nicht den langfristigen Gefäßschutz für eine kosmetische Korrektur am Lp(a).

Die Strategie: Global Risk Management

Da wir Lp(a) selbst (noch) nicht effektiv senken können, verfolgen wir einen anderen Ansatz:

Das Multiplikator-Modell

Stellen Sie sich Lp(a) als Risikomultiplikator vor. Wenn Ihre Basis-Risikofaktoren (LDL, Blutdruck, Blutzucker) hoch sind, multipliziert hohes Lp(a) dieses Risiko.

Aber: Wenn wir die Basis gegen Null fahren, hat der Multiplikator nichts mehr zu multiplizieren.

Was das konkret bedeutet

Bei erhöhtem Lp(a) sollten Sie die anderen Risikofaktoren besonders konsequent behandeln:

1 LDL/ApoB aggressiver senken

  • • Niedrigere Zielwerte als bei normalem Lp(a)
  • • Bei hohem Lp(a): LDL unter 70 mg/dL anstreben (bei ASCVD unter 55)
  • • Statine + ggf. Ezetimib oder PCSK9-Hemmer

2 Blutdruck optimieren

  • • Ziel < 130/80 mmHg
  • • Jede mmHg zählt bei erhöhtem Grundrisiko

3 Nicht rauchen

  • • Die Daten sind eindeutig: Lp(a) hoch + Rauchen = dramatisch erhöhtes Risiko
  • • Aktuelle Studien zeigen: Ein 70-jähriger Mann mit sehr hohem Lp(a) und Rauchen hat ein 38% 10-Jahres-Risiko für periphere Gefäßerkrankung

4 Insulinsensitivität verbessern

  • • Gewicht optimieren
  • • Regelmäßige Bewegung
  • • Zucker/Fruktose reduzieren

5 Entzündung kontrollieren

  • • Da die neuen Lp(a)-Medikamente die systemische Entzündung nicht senken, bleibt dies Ihre Aufgabe
  • • Anti-entzündliche Ernährung (mediterran, pflanzenbasiert)
  • • Ausreichend Schlaf, Stressmanagement

Wann zum Spezialisten?

Bei sehr hohem Lp(a) (>180 nmol/L / >75 mg/dL)

  • Vorstellung in einer spezialisierten Lipidambulanz
  • Diskussion über PCSK9-Hemmer
  • Bei progredienter ASCVD trotz optimaler Therapie: Apherese erwägen

Bei Familienanamnese

  • Kaskaden-Screening der erstgradigen Verwandten
  • Kinder von Betroffenen sollten früh getestet werden

Empfohlene Zusatzdiagnostik bei hohem Lp(a)

Untersuchung Warum wichtig
ApoB Gesamtzahl atherogener Partikel
hsCRP, Homocystein Entzündungsstatus einschätzen
HOMA-Index, HbA1c Insulinsensitivität prüfen
Echokardiographie Aortenklappenstenose ausschließen
Carotis-Subclavia-Femoralis-Ultraschall Subklinische Atherosklerose
CAC-Score Bei unklarem Risiko

Zusammenfassung

Lp(a) ist der übersehene Risikofaktor – genetisch bedingt, aber nicht schicksalhaft.

1

Einmal messen, einmal wissen. Ihr Lp(a) ändert sich kaum – aber Sie sollten ihn kennen.

2

Genetisch heißt nicht unbeeinflussbar. Sie können Lp(a) selbst nicht senken, aber Sie können das Umfeld kontrollieren.

3

Multiplikator-Strategie: Senken Sie LDL, Blutdruck, Blutzucker konsequent – dann hat Lp(a) weniger zu multiplizieren.

4

Statine trotz Lp(a)-Anstieg. Der Nutzen überwiegt deutlich.

5

Hoffnung am Horizont. Neue Medikamente (Pelacarsen, Olpasiran) könnten 2026/27 verfügbar werden – aber sie werden kein Ersatz für Lifestyle sein.

6

Rauchen ist der Killer-Kofaktor. Bei hohem Lp(a) ist Rauchstopp noch wichtiger als sonst.

Weiterführende Literatur & Wissenschaft

Für alle, die tiefer einsteigen wollen, haben wir hier die wichtigsten Studien zusammengestellt.

1 EAS Consensus Statement 2022

Lipoprotein(a) in atherosclerotic cardiovascular disease and aortic stenosis: a European Atherosclerosis Society consensus statement (2022)

Kronenberg F, Mora S, Stroes ESG et al., European Heart Journal.

Das maßgebliche Konsensuspapier zu Lp(a) – Epidemiologie, Pathophysiologie, Messung und Management.

Link zur Studie (PubMed) →

2 Statine und Lp(a)

Statin therapy increases lipoprotein(a) levels (2020)

Tsimikas S, Gordts PLSM, Nora C, Yeang C, Witztum JL, European Heart Journal.

Meta-Analyse, die den ~11% Lp(a)-Anstieg unter Statinen bestätigt.

Link zur Studie (PubMed) →

3 Lp(a) und periphere Gefäße

Lipoprotein(a) and risk of peripheral arterial disease, abdominal aortic aneurysms, and major adverse limb events (2023)

ESC Congress Abstract, European Heart Journal Supplement.

Zeigt das 2–3-fach erhöhte Risiko für pAVK und Aortenaneurysma bei hohem Lp(a).

Link zur Studie →

4 Schilddrüse und Lp(a)

Exploring the Effect of Thyroid Hormone on Serum Lipoprotein (a) Levels in Patients With Thyroid Hormone Dysfunction: A Systematic Review (2024)

Lwin BB, Vashishta A, Nishat S et al., Cureus.

Zeigt den Einfluss von Hypothyreose auf Lp(a) und die Reversibilität unter L-T4.

Link zur Studie (PMC) →

5 Einheiten und Messung

Lp(a): When and how to measure it (2021)

Cegla J, France M, Marcovina SM, Neely RDG, Annals of Clinical Biochemistry.

Erklärt das Einheiten-Problem und warum nmol/L bevorzugt wird.

Link zur Studie (PMC) →

Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels

Fachärzte, spezialisiert auf Prävention und Longevity

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