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Sulforaphan & Brokkoli für Longevity

Krebs 14 Min. Lesezeit 14. Mär 2026

Sulforaphan & Brokkoli für Longevity

Sulforaphan & Brokkoli für Longevity

Warum wir kein Supplement empfehlen – und was wir stattdessen tun

Die epidemiologischen Daten zu Kreuzblütlern sind beeindruckend, der NRF2-Mechanismus elegant – aber die Supplement-Realität hinkt der Wissenschaft dramatisch hinterher. Unser evidenzbasierter Ansatz: Küche statt Kapsel.

Sulforaphan ist einer der meistdiskutierten sekundären Pflanzenstoffe in der Longevity-Szene. Zu Recht: Die epidemiologischen Daten zu Kreuzblütlern sind beeindruckend, der zelluläre Mechanismus elegant, und die klinische Pipeline wächst. Doch zwischen dem Potenzial des Moleküls und dem, was in Supplement-Kapseln tatsächlich ankommt, klafft eine enorme Lücke.

Wir haben uns intensiv mit der Biochemie, der Bioverfügbarkeit und der Supplement-Realität auseinandergesetzt – und sind zu einem klaren Fazit gekommen.

Auf einen Blick

Aspekt Was Sie wissen sollten
Das Molekül Sulforaphan (SFN) – ein Isothiocyanat aus Kreuzblütlern (Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl, Grünkohl)
Der Mechanismus Aktivierung des NRF2-Signalwegs – Hochregulation antioxidativer und entgiftender Enzyme
Epidemiologische Evidenz Bis zu −22 % Gesamtmortalität, −40 % Prostatakarzinom, −44 % Blasenkrebs bei regelmäßigem Konsum von Kreuzblütlern
Supplement-Problem Extreme Instabilität des Wirkstoffs, schlechte Konversion aus der Vorstufe, hohe interindividuelle Variabilität
Unser Take Keine aktive Supplement-Empfehlung. Stattdessen: Brokkoli und andere Brassicas mit Küchentricks optimiert essen

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Die Epidemiologie – Warum Kreuzblütler so interessant sind

Bevor wir über Pillen reden, müssen wir über Gemüse reden. Denn die eigentlich beeindruckenden Daten kommen nicht aus Supplement-Studien, sondern aus großen Kohortenstudien zum Konsum von Kreuzblütlern – also Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl, Grünkohl, Rucola und Verwandte.

Ein Wort zur Methodik, bevor wir die Zahlen zeigen: Epidemiologische Studien haben Grenzen – und in der Longevity-Szene werden sie teilweise harsch kritisiert. Peter Attia etwa hält insbesondere die Ernährungsepidemiologie für deutlich überschätzt. Ein gern zitiertes Argument: Wer wisse schon noch genau, was er vor einer Woche gegessen habe? Das ist absichtlich überspitzt. Epidemiologie ist eine methodisch fundierte statistische Wissenschaft, und in Kohortenstudien wird nicht nach dem exakten Mittagessen vom Dienstag gefragt – sondern nach Ernährungsmustern. Die meisten Menschen wissen durchaus, ob sie regelmäßig Brokkoli und Gemüse essen oder eher selten, ob sie Fleischesser sind oder Vegetarier, ob Vollkorn oder Weißmehl auf dem Teller landet. Diese groben Muster lassen sich zuverlässig erfassen – und genau darauf basieren die folgenden Daten. Hinzu kommt: Die moderne Epidemiologie ist methodisch weit über die reine Korrelationsanalyse hinausgewachsen. Kausalinferenz – also das gezielte Ableiten von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen aus Beobachtungsdaten – ist heute das zentrale Ziel des Fachs. Werkzeuge wie gerichtete azyklische Graphen (DAGs), Mendelsche Randomisierung und die systematische Triangulation mit experimentellen Daten, Tiermodellen und biologischer Plausibilität erlauben es, weit über eine bloße Assoziation hinauszugehen. Die pauschale Behauptung „Epidemiologie kann keine Kausalität zeigen“ ist in dieser absoluten Form schlicht überholt. Trotzdem gilt natürlich: Einzelne Beobachtungsstudien zeigen zunächst Assoziationen, und Confounders lassen sich nie vollständig kontrollieren. Aber wenn konsistente Signale über Dutzende unabhängiger Studien, verschiedene Populationen und multiple Endpunkte hinweg auftreten, ist das kein statistisches Rauschen – sondern ein Muster, das man ernst nehmen sollte. Und genau das ist hier der Fall.

Wer regelmäßig Kreuzblütler isst (3 bis 5 Portionen pro Woche), zeigt in epidemiologischen Studien eine signifikant niedrigere Krebsinzidenz und Gesamtmortalität. Die Datenlage ist besonders robust für:

−22 %

Gesamtmortalität

Obere 20 % vs. untere 20 % der Kreuzblütler-Konsumenten

−40 %

Prostatakarzinom

Bei 3–5 Portionen Brassicas pro Woche (Cipolla et al.)

−44 %

Blasenkrebs

Bei mindestens 2 Portionen pro Woche

−55 %

Lungenkarzinom (Raucher)

Bemerkenswert – aber kein Argument für das Rauchen

Diese Daten stammen aus Beobachtungsstudien und zeigen Assoziationen, keine Kausalitäten. Aber: Die Konsistenz über multiple Krebsentitäten, verschiedene Populationen und unterschiedliche Studiendesigns hinweg ist auffällig. Sie legt nahe, dass Kreuzblütler etwas Spezifisches mitbringen, das über den allgemeinen Gemüse-Effekt hinausgeht.

Dieses „Etwas“ ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Sulforaphan.

Das Molekül – Sulforaphan und der NRF2-Signalweg

Wie Sulforaphan entsteht

Sulforaphan (SFN) ist ein Isothiocyanat, das in Kreuzblütlern nicht frei vorliegt, sondern als inaktive Vorstufe: Glucoraphanin (GR). Erst wenn das Enzym Myrosinase auf GR trifft – typischerweise beim Zerkleinern der Pflanzenzelle (Kauen, Schneiden, Mixen) – entsteht das bioaktive Sulforaphan. Dieses Detail ist zentral, denn es erklärt sowohl das Potenzial als auch das Problem.

Was Sulforaphan im Körper macht

Im Körper aktiviert Sulforaphan den NRF2-Signalweg (Nuclear Factor Erythroid 2-Related Factor 2). In normalen Zellen ist NRF2 an sein Regulatorprotein KEAP1 gebunden und wird ständig abgebaut. Sulforaphan modifiziert KEAP1, sodass NRF2 freigesetzt wird, in den Zellkern wandert und dort eine ganze Batterie zytoprotektiver Gene aktiviert:

Phase-II-Entgiftungsenzyme

Glutathion-S-Transferase, NAD(P)H:Quinon-Oxidoreduktase NQO1

Antioxidative Enzyme

Glutathionperoxidase, Superoxiddismutase

Anti-inflammatorische Signale

Hemmung von NF-κB

Das ist kein „Antioxidans“ im trivialen Sinn – wie etwa Vitamin C, das direkt freie Radikale abfängt. NRF2-Aktivierung ist ein epigenetischer Schalter, der die zelleigene Abwehr hochfährt. Das Elegante: Die Wirkung hält tagelang an, weil die nachgeschalteten Enzyme stabil sind – auch wenn das Sulforaphan selbst längst metabolisiert ist.

Die klinische Pipeline

Bis Anfang 2025 wurden 84 klinische Studien zu Sulforaphan registriert, 39 davon publiziert (Saito et al., Journal of Nutritional Science 2025). Die Daten zeigen breites therapeutisches Potenzial – von Krebsprävention über Entzündungsmodulation bis zu metabolischer Gesundheit und Neuroprotektion. In Deutschland hat vor allem die Arbeitsgruppe am Universitätsklinikum Heidelberg um Ingrid Herr Pionierarbeit geleistet und die klinische Sulforaphan-Forschung bei Krebserkrankungen maßgeblich vorangetrieben.

Das Supplement-Problem – Warum die Kapsel fast nie hält, was sie verspricht

Problem 1: Die Instabilität von Sulforaphan

Sulforaphan in seiner freien Form ist extrem instabil. Es zerfällt bei Raumtemperatur, ist licht- und wärmeempfindlich. Professor Jed Fahey vom Johns Hopkins Institute – einer der weltweit führenden Sulforaphan-Forscher – lagert seine standardisierten Dosen bei −80 °C. Bei −20 °C (handelsübliche Tiefkühlung) verliert freies SFN bereits ca. 17,5 % seiner Aktivität pro Jahr.

Das bedeutet: Ein Supplement, das tatsächlich freies Sulforaphan enthalten soll, bräuchte eine pharmazeutische Kühlkette, die kaum ein Hersteller bieten kann oder will.

Problem 2: Glucoraphanin statt Sulforaphan

Die meisten Nahrungsergänzungsmittel enthalten daher nicht SFN selbst, sondern seine Vorstufe Glucoraphanin (GR). Die Logik klingt einfach: GR ist stabil, der Körper soll es schon umwandeln. Die Realität sieht anders aus: Die Konversion hängt primär von der Myrosinase-Aktivität ab – und die ist im Darm sehr individuell.

Darreichungsform Mittlere Bioverfügbarkeit Spannweite
Reines Sulforaphan ca. 70 % Relativ konstant
GR + aktive Myrosinase ca. 35 % (Median) 12–75 %
GR allein (ohne Myrosinase) ca. 10 % (Median) 1–40 %

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Wenn die meisten Studien eine Zieldosis von ca. 60 mg SFN pro Tag verwenden (Cipolla et al.), bräuchte man bei 35 % Konversion bereits ca. 420 mg GR – bei nur 10 % wären es über 1.200 mg. Viele Supplements liefern aber nur 20 bis 50 mg GR pro Kapsel.

Problem 3: Die Qualitätsrealität

Eine systematische Analyse der Universität Münster hat 14 frei verkäufliche Brokkoli-Supplements untersucht – und das Ergebnis war ernüchternd. Mehrere Präparate fielen bei der Deklarationsprüfung durch: Der tatsächliche GR-Gehalt wich signifikant von der Angabe auf der Verpackung ab.

Ergebnis: Nur 5 von 14 Produkten bestanden

Bei der Mehrheit der frei verkäuflichen Produkte können Sie sich nicht einmal darauf verlassen, dass drin ist, was draufsteht – noch bevor die Frage der Bioverfügbarkeit überhaupt relevant wird.

Problem 4: Unsere eigenen gescheiterten Versuche

Wir haben uns vor einigen Jahren selbst intensiv mit der Frage beschäftigt, ob sich ein optimiertes Supplement realisieren lässt. Die theoretisch sinnvollste Idee: Zwei getrennte Kapseln – eine mit hochdosiertem GR (Myrosinase durch Erhitzung inaktiviert) und eine separate Kapsel mit exogener Myrosinase aus Senfpulver. Aktuelle klinische Daten bestätigen diesen Ansatz: In einer randomisierten Studie (Mastaloudis, Fahey et al., Scientific Reports 2026) verdoppelte exogene Myrosinase die SFN-Bioverfügbarkeit (39,8 % vs. 18,6 %).

Das Problem: Die Umsetzung ist logistisch und finanziell extrem aufwändig. Hinzu kommt: Der Glucoraphanin-Gehalt variiert enorm zwischen Brokkolisorten. Viele handelsübliche Saatgut-Chargen – etwa die in Deutschland verbreitete Sorte „Raab“ – enthalten nur einen Bruchteil des GR-Gehalts, den Hochleistungssorten wie „Premium Crop“ oder die speziell gezüchteten Beneforté-Hybride liefern.

Wir waren selbst eine Zeit lang begeisterte Brokkolisprossen-Züchter, bis uns die Analytik ernüchterte: Ohne kontrolliertes Saatgut weiß man schlicht nicht, wie viel GR in der eigenen Ernte steckt. Wir haben das Supplement-Projekt letztendlich verworfen, weil es nicht unsere Kernkompetenz ist – und weil auch der Nahrungsmittelweg ehrlich betrachtet seine Grenzen hat.

Die Ausnahme – Prostaphane

Im Interesse der vollständigen Transparenz: Es gibt ein Präparat, das wir für eine Sonderstellung halten. Prostaphane ist ein französisches Supplement, das patentiertes, stabilisiertes freies Sulforaphan enthält (Technologie: Sulfodyne). Anders als die üblichen GR-Präparate umgeht Prostaphane das gesamte Konversionsproblem, weil es bereits die bioaktive Form liefert.

Professor Fahey vom Johns Hopkins Institute hat Prostaphane als eines der wenigen Produkte anerkannt, das tatsächlich enthält, was deklariert ist, in der deklarierten Menge, und stabil bleibt.

Unsere Position

Wir empfehlen Prostaphane nicht aktiv. Es ist teuer und derzeit primär in Frankreich und Großbritannien erhältlich. Wenn Patienten uns jedoch konkret nach einem Sulforaphan-Supplement fragen, teilen wir ehrlich unsere Recherche-Ergebnisse – und Prostaphane ist dann das einzige Produkt, das wir bislang für biochemisch plausibel halten.

Unser Protokoll – Der Küchen-Hack statt der Kapsel

Anstatt Geld für Supplements mit fraglicher Wirksamkeit auszugeben, empfehlen wir die deutlich elegantere und evidenzbasierte Lösung: optimierter Konsum von echtem Gemüse.

Das Kernproblem beim Kochen

Brokkoli enthält reichlich Glucoraphanin (GR) – aber das allein nützt nichts. Erst das Enzym Myrosinase wandelt GR in das bioaktive Sulforaphan um. Und genau hier liegt das Problem: Myrosinase ist hitzelabil. Ab ca. 60 °C wird es zerstört. Wer Brokkoli kocht, dämpft oder brät, hat danach zwar noch GR im Gemüse – aber kaum noch das Enzym, das es aktiviert. Das Ergebnis: Gekochter Brokkoli liefert nur einen Bruchteil des Sulforaphans, das er eigentlich könnte. Die folgenden Hacks lösen genau dieses Problem.

1

Roh essen, wo möglich

Roher Brokkoli – als Florets oder geraspelt im Salat – liefert die höchste SFN-Ausbeute. Übrigens: Auch der Brokkolistiel ist essbar und viel zu schade zum Wegwerfen. Einfach etwas schälen und roh knabbern – geschmacklich erinnert er an Kohlrabi. Gilt auch für andere Brassicas: Rucola, Radieschen, Rettich und Kresse.

2

Schneiden, dann warten

Brokkoli zuerst zerkleinern und 30–40 Minuten ruhen lassen, bevor er erhitzt wird. In dieser Zeit wandelt die Myrosinase GR bereits in SFN um. Sulforaphan selbst übersteht moderates Kochen.

3

Gekocht + roh kombinieren

Der alltagstauglichste Hack: Kochen Sie Ihren Brokkoli ganz normal – und geben Sie eine kleine Menge rohen Brokkoli dazu (ein paar Florets reichen). Die Myrosinase im rohen Anteil reicht in der Regel aus, um auch das im gekochten Brokkoli weiter vorhandene Glucoraphanin zu aktivieren. Praktisch: Etwas vom Stiel roh dazu essen oder dünn über einen Salat hobeln – so wird nichts verschwendet und die Myrosinase kommt trotzdem an. Dasselbe Prinzip funktioniert mit anderen rohen Kreuzblütlern als Beilage: Rucola, Radieschen oder Kresse zum warmen Gericht.

4

Senfpulver als exogene Myrosinase

Alternative, wenn kein roher Brokkoli zur Hand ist: Eine Messerspitze Senfpulver auf gekochten Brokkoli enthält hochaktive Myrosinase, die die Konversion im Verdauungstrakt ankurbelt. Kein Hausmittel-Mythos: Klinisch bestätigt (Mastaloudis et al., Scientific Reports 2026).

5

Brokkolisprossen

Frische Brokkolisprossen (3–5 Tage alt) enthalten pro Gramm bis zu 10- bis 100-fach mehr GR als reifer Brokkoli und liefern gleichzeitig aktive Myrosinase. Einschränkung: Der GR-Gehalt hängt stark von der Saatgutsorte ab.

Der ehrliche Realitätscheck

Die in klinischen Studien verwendeten Dosen (häufig 60 mg Sulforaphan pro Tag) sind über normalen Gemüsekonsum kaum zu erreichen. Bei 35 % Konversion bräuchte man etwa 420 mg Glucoraphanin pro Tag.

Analysen des Universitätsklinikums Heidelberg – eines der führenden deutschen Zentren in der Sulforaphan-Forschung – zeigen, wie stark die Werte schwanken: Über sechs untersuchte marktgängige Brokkolisorten lag die Spanne bei 12 bis 119 mg GR pro 100 g Frischgewicht, der Durchschnitt bei etwa 60 mg. Unabhängige Messungen der Universität Münster bestätigen diesen Wert.

Brokkolisorte GR-Gehalt / 100 g Roher Brokkoli für 420 mg GR/Tag
GR-arme Sorte ~12 mg über 3 kg
Durchschnitt (Supermarkt) ~60 mg ca. 700 g
GR-reiche Sorte ~119 mg ca. 350 g

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Welche Sorten wurden getestet?

Die Forschung zum GR-Gehalt verschiedener Brokkolisorten reicht über 20 Jahre zurück. West et al. analysierten bereits 2004 die Samen von 59 Brassica-Sorten und fanden enorme Unterschiede: Die Sorte „Premium Crop“ hatte den höchsten GR-Gehalt im Saatgut, während andere verbreitete Sorten wie „Raab“ kaum GR enthielten. Traka et al. (2013) zeigten, dass die speziell gezüchteten Beneforté-Hybride – entstanden durch Einkreuzung eines Brassica-villosa-Allels – 2,5- bis 3-fach mehr GR akkumulieren als Standardsorten. Auch neuere Arbeiten (Wang et al. 2019) bestätigen bei 38 untersuchten Cultivaren eine enorme Bandbreite.

Das Problem für Verbraucher

Im Supermarkt steht auf dem Brokkoli kein Sortenname. Ob Sie Marathon, Parthenon, Ironman oder eine andere Sorte kaufen, erfahren Sie schlicht nicht. Beneforté – der einzige Versuch, GR-reichen Brokkoli als identifizierbares Produkt in den Handel zu bringen – war kurzzeitig in Großbritannien erhältlich, ist aber in Deutschland nie angekommen. Auch bei Sprossen-Saatgut ist die Sortenfrage relevant: Ohne Angabe des Cultivars auf der Packung weiß man nicht, ob man eine GR-reiche oder GR-arme Sorte zieht.

Die gute Nachricht

Die epidemiologischen Risikoreduktionen traten bei normalem Konsum auf – 3 bis 5 Portionen Kreuzblütler pro Woche. Sie müssen keine pharmakologische Dosis erreichen. Regelmäßiger Konsum ist sicher, hat keine relevanten Nebenwirkungen und liefert darüber hinaus Ballaststoffe, Mikronährstoffe und weitere bioaktive Substanzen.

Die individuelle Bioverfügbarkeit – Ein Blick in die Zukunft

Ein faszinierender Aspekt: Die individuelle Bioverfügbarkeit von Sulforaphan lässt sich tatsächlich messen. Über die Dithiocarbamate (DTC) im 24-Stunden-Urin kann bestimmt werden, wie viel SFN tatsächlich im Körper ankommt – unabhängig davon, ob es aus Gemüse oder einem Supplement stammt.

Diese Analytik (HPLC oder LC-MS/MS) wird derzeit primär in Forschungslaboren durchgeführt. Aber sie zeigt das Potenzial einer datengetriebenen Longevity-Medizin: Den Effekt jeder Ernährungsintervention objektiv messen, statt sich auf Angaben auf der Verpackung zu verlassen.

Fazit

Sulforaphan ist eines der faszinierendsten Moleküle in der Longevity-Forschung – und gleichzeitig eines der frustrierendsten, wenn es um die supplementäre Zufuhr geht. Die epidemiologischen Daten zu Kreuzblütlern sind überzeugend, der zelluläre Mechanismus (NRF2-Aktivierung) elegant und gut verstanden, aber die Supplement-Realität hinkt der Wissenschaft dramatisch hinterher.

Unser Take: Investieren Sie nicht in teure Kapseln mit fraglicher Bioverfügbarkeit, sondern in Ihren Kühlschrank. Ja, die pharmakologischen Dosen aus klinischen Studien werden Sie über Gemüse allein kaum erreichen. Aber die epidemiologischen Daten – bei allen methodischen Grenzen ein bemerkenswert konsistentes Signal über Jahrzehnte und Populationen hinweg – basieren auf ganz normalem Gemüsekonsum. Nicht Kapseln.

Weiterführende Literatur & Wissenschaft

Für alle, die tiefer einsteigen wollen, haben wir hier die wichtigsten Studien zusammengestellt, auf die wir uns in diesem Artikel beziehen.

1 Epidemiologie: Kreuzblütler und Krebsrisiko

Broccoli Consumption and Risk of Cancer: An Updated Systematic Review and Meta-Analysis of Observational Studies (2024)

Baladia E, Moñino M, Pleguezuelos E et al., Nutrients.

Aktuelle Meta-Analyse (35 Studien), die den inversen Zusammenhang zwischen Brokkolikonsum und verschiedenen Krebsentitäten bestätigt.

Link zur Studie (PubMed) →

2 Der NRF2-Signalweg

KEAP1 and done? Targeting the NRF2 pathway with sulforaphane (2017)

Dinkova-Kostova AT, Fahey JW, Kostov RV, Kensler TW, Trends in Food Science & Technology.

Umfassende Übersichtsarbeit zum NRF2-Signalweg und seiner Modulation durch Sulforaphan.

Link zur Studie (PubMed) →
Sulforaphane as a potential therapeutic agent: a comprehensive analysis of clinical trials and mechanistic insights (2025)

Saito A, Ishikawa S, Yang K et al., Journal of Nutritional Science.

Systematische Analyse aller 84 klinischen Studien zu Sulforaphan mit Fokus auf therapeutisches Potenzial.

Link zur Studie (PubMed) →

3 Bioverfügbarkeit & Supplement-Problematik

Sulforaphane Bioavailability from Glucoraphanin-Rich Broccoli: Control by Active Endogenous Myrosinase (2015)

Fahey JW, Holtzclaw WD, Wehage SL et al., PLOS One.

Schlüsselstudie zur Bioverfügbarkeit: Zeigt den dramatischen Unterschied zwischen GR mit und ohne aktive Myrosinase (10 % vs. 35–40 %).

Link zur Studie (PubMed) →
Exogenous myrosinase from mustard seed increases bioavailability of sulforaphane from a glucoraphanin-rich broccoli seed extract (2026)

Mastaloudis A, Fahey JW, Nieman DC et al., Scientific Reports.

Randomisierte klinische Studie: Exogene Myrosinase aus Senfpulver verdoppelt die SFN-Bioverfügbarkeit (39,8 % vs. 18,6 %).

Link zur Studie (Nature) →

4 Krebsprävention & klinische Anwendung

Keap1-Nrf2 signaling: a target for cancer prevention by sulforaphane (2013)

Kensler TW, Egner PA, Agyeman AS, Fahey JW, Talalay P et al., Topics in Current Chemistry.

Übersichtsarbeit aus dem Fahey/Talalay-Labor an der Johns Hopkins University zum Mechanismus der Krebsprävention über den KEAP1-NRF2-Signalweg.

Link zur Studie (PubMed) →
Effect of Sulforaphane in Men with Biochemical Recurrence after Radical Prostatectomy (2015)

Cipolla BG, Mandron E, Lefort JM, Coadou Y, Della Negra E, Corbel L, Le Scodan R, Azzouzi AR, Mottet N, Cancer Prevention Research.

Randomisierte, doppelblinde Studie mit 78 Prostatakarzinom-Patienten: 60 mg Sulforaphan/Tag verlängerte die PSA-Verdopplungszeit signifikant. Grundlage für die im Artikel verwendete Zieldosis.

Link zur Studie (PubMed) →

5 Cultivar-Forschung & GR-Variabilität

Glucoraphanin and 4-Hydroxyglucobrassicin Contents in Seeds of 59 Cultivars of Broccoli, Raab, Kohlrabi, Radish, Cauliflower, Brussels Sprouts, Kale, and Cabbage (2004)

West LG, Meyer KA, Balch BA, Rossi FJ, Schultz MR, Haas GW, Journal of Agricultural and Food Chemistry.

Systematische Analyse des GR-Gehalts in 59 Brassica-Sorten. Zeigt die enorme Bandbreite zwischen Cultivaren – „Premium Crop“ mit dem höchsten GR-Gehalt, „Raab“ mit kaum messbarem GR.

Link zur Studie (PubMed) →
Genetic regulation of glucoraphanin accumulation in Beneforté broccoli (2013)

Traka MH, Saha S, Huseby S, Kopriva S, Walley PG et al., New Phytologist.

Beschreibt die genetische Grundlage der Beneforté-Hybride: Ein eingekreuztes Brassica-villosa-Myb28-Allel führt zu 2,5- bis 3-fach erhöhter GR-Akkumulation gegenüber Standardsorten.

Link zur Studie (PubMed) →

Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels

Fachärzte, spezialisiert auf Prävention und Longevity

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