Testosteron-Therapie und das Herz: Was die neue Studie wirklich zeigt
Ob eine Testosterontherapie dem Herzen schadet, hängt entscheidend vom Kontext ab – davon, ob überhaupt ein echter Mangel vorliegt.
Im Juli 2026 ging gerade eine Schlagzeile durch die Longevity-Szene: Testosteron-Therapie erhöhe das Risiko für Herzinfarkt und Tod. Kurz darauf konterten andere: Alles halb so wild, die großen Studien zeigten doch Sicherheit. Beide Seiten haben recht – und genau das ist der Punkt. Ob eine Testosterontherapie dem Herzen schadet, hängt entscheidend vom Kontext ab: davon, ob überhaupt ein echter Mangel vorliegt. Dieser Artikel nimmt die aktuelle Studienlage auseinander und zeigt, was sie für Sie bedeutet.
Ein Überblick über das gesamte Thema steht in unserem Ratgeber Testosteron optimieren; hier geht es um die Therapie und ihre Risiken im Detail.
Auf einen Blick
- Der Kontext entscheidet. Bei korrekt diagnostiziertem Mangel gilt die Therapie als kardiovaskulär neutral; ohne dokumentierten Mangel („off-label") zeigen neue Daten erhöhte Risiken.
- Die neue Studie ist groß, aber beobachtend. Sie zeigt eine Assoziation; ein Beweis für Ursache und Wirkung ist das noch nicht.
- TRAVERSE bleibt der Gegenpol. Diese randomisierte Studie fand bei echtem Mangel kein erhöhtes Herzrisiko.
- Bei normalen Werten überwiegen ohnehin die Nachteile. Unterdrückte Eigenproduktion, Fruchtbarkeitsverlust, verdicktes Blut, Umwandlung in Östrogen.
- Vor einer Therapie gehört einiges geprüft. Prostata, Schlafapnoe, Blutdruck, Blutbild – und eine saubere Diagnostik statt einer Ferndiagnose.
Die neue Studie: Off-Label-Testosteron und das Herz
Im Sommer 2026 erschien in eBioMedicine (aus der Lancet-Familie) eine der größten Auswertungen zum Thema (Kerniss et al. 2026). Die Forscher werteten die Daten von 358.957 Männern zwischen 30 und 75 Jahren aus, die eine Testosterontherapie begannen – über ein globales Netzwerk aus 123 Gesundheitsorganisationen. Sie verglichen zwei Gruppen: Männer, die die Therapie mit dokumentiertem Mangel (Hypogonadismus) begannen, und Männer, die sie ohne einen solchen Nachweis begannen – die „off-label"-Anwendung. Rund ein Drittel (127.152 Männer, 35,4 %) fiel in die Off-Label-Gruppe.
Nach sorgfältigem statistischem Abgleich beider Gruppen (Propensity-Score-Matching, 113.554 Paare) und einem Follow-up von bis zu zehn Jahren zeigte sich ein deutliches Muster. Die Off-Label-Gruppe hatte gegenüber den Männern mit echtem Mangel:
| Endpunkt | Off-Label vs. echter Mangel | relatives Risiko (HR) |
|---|---|---|
| Schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse (MACE) | 16,5 % vs. 11,8 % | 1,51 |
| Gesamtsterblichkeit | 10,7 % vs. 6,0 % | 1,90 |
| Herzinsuffizienz | 8,6 % vs. 7,2 % | 1,32 |
| Ischämischer Schlaganfall | 3,8 % vs. 3,3 % | 1,23 |
| Herzstillstand | – | 1,41 |
| Herzinfarkt | 4,3 % vs. 4,2 % | 1,10 (grenzwertig) |
Besonders bemerkenswert: Die Off-Label-Gruppe war zu Beginn sogar gesünder – weniger Übergewicht (6,5 % gegenüber 23,2 %), weniger Bluthochdruck (14 % gegenüber 39 %). Trotzdem lag ihr Risiko nach dem Abgleich höher. Als Gegenprobe nutzten die Autoren die akute Blinddarmentzündung – ein Ereignis, das mit Testosteron nichts zu tun hat. Hier zeigte sich erwartungsgemäß kein Unterschied, was dafür spricht, dass die Herz-Befunde nicht bloß ein statistisches Artefakt sind.
Wie belastbar ist das? Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen Zusammenhang; ein Beweis für Ursache und Wirkung ist das noch nicht. Die Autoren benennen die Grenzen offen: Es könnten unerfasste Störfaktoren mitspielen; die Daten stammen aus Verschreibungs- und Kodierungssystemen; „kein Nachweis eines Mangels" bedeutet fehlende Dokumentation, nicht zwangsläufig eine normale Physiologie; und Angaben zu Dosis, Präparat und erreichten Spiegeln fehlten. Die Aussage ist also nicht „Testosteron verursacht Herzinfarkte", sondern: Wer es ohne klare Indikation nimmt, gehört zu einer Gruppe mit ungünstigerem Verlauf.
Die andere Seite: Bei echtem Mangel sieht es anders aus
Dem steht die bislang wichtigste randomisierte Studie gegenüber: TRAVERSE (Lincoff et al., NEJM 2023). Hier erhielten über 5.200 Männer mit bestätigtem Hypogonadismus und erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko entweder Testosteron-Gel oder ein Placebo, über gut zwei Jahre. Das Ergebnis: kein erhöhtes Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse (7,0 % gegenüber 7,3 %; die Therapie war nicht unterlegen). Es zeigten sich lediglich leichte Signale für Vorhofflimmern, Lungenembolie und akute Nierenschädigung.
Mehr noch: Ein echter Mangel geht häufig mit metabolischem Syndrom oder Typ-2-Diabetes einher, und in diesen Gruppen deuten randomisierte Studien sogar auf günstige Effekte auf kardiometabolische Risikofaktoren hin – weniger Bauchfett, bessere Insulinsensitivität, niedrigeres LDL-Cholesterin (EAU-Leitlinie). Diese Daten sind uneinheitlich, weshalb Testosteron nicht zur Herz-Vorsorge empfohlen wird. Aber sie erklären, warum der Ausgleich eines echten Defizits kardiovaskulär anders zu bewerten ist als das Aufsatteln von Testosteron auf ein gesundes System.
Der scheinbare Widerspruch löst sich also auf: Bei korrekt diagnostiziertem Mangel ist die Therapie kardiovaskulär neutral bis eher günstig. Off-label, bei normalen oder nicht dokumentierten Werten, zeigt sich ein Schadenssignal. Nicht das Molekül entscheidet, sondern der Kontext.
Warum „off-label" biologisch etwas anderes ist
Bei einem echten Mangel bringt die Therapie einen zu niedrigen Spiegel zurück in den normalen Bereich – der Regelkreis war ohnehin gestört. Bei normalen Werten dagegen führt man dem Körper Testosteron zu, obwohl genug vorhanden ist. Das hat Folgen, die unabhängig von der Herz-Debatte gut belegt sind:
- Die Eigenproduktion wird unterdrückt. Zugeführtes Testosteron signalisiert der Steuerung „genug vorhanden". Die Hoden fahren die Produktion herunter, ihr Volumen nimmt ab, und die Fruchtbarkeit leidet – bis hin zur Unfruchtbarkeit. Nach längerer Anwendung erholt sich die Eigenproduktion oft nur unvollständig. Für Männer mit Kinderwunsch ist das ein zentrales Thema.
- Das Blut wird dicker. Testosteron steigert die Bildung roter Blutkörperchen (Erythrozytose), was das Thromboserisiko erhöht und regelmäßige Kontrollen des Hämatokrits nötig macht.
- Ein Teil wird zu Östrogen. Über das Enzym Aromatase entsteht Östradiol – bei höheren Spiegeln mit dem Risiko einer Gynäkomastie.
Diese Nachteile treffen gerade den „Optimierer" mit eigentlich normalen Werten – also genau die Gruppe, die in der neuen Studie das höhere Herz-Kreislauf-Risiko trug.
Creme, Spritze, Depot: die Applikationsformen
Wird therapiert, gibt es verschiedene Wege. Gele und Cremes auf die Haut gelten als vergleichsweise physiologisch: Sie erzeugen nicht nur einen gleichmäßigeren Spiegel, sondern bilden auch den natürlichen Tagesverlauf besser nach – ein Maximum am Morgen nach dem Auftragen, dann ein Abfall über den Tag. Bei Injektionen ist in der Medizin das langwirksame Testosteron-Undecanoat üblich, das als Depot über Wochen einen relativ stabilen Spiegel hält. Kurzwirksame Ester (etwa Testosteron-Enantat) dagegen treiben den Spiegel kurzfristig auf sehr hohe, übernatürliche Werte und fallen dann tief ab. Solche starken Schwankungen sind in der seriösen Therapie eines echten Mangels eher verlassen worden und finden sich vor allem im Leistungssport und in der US-„Optimierungs"-Szene.
Welche Form infrage kommt, ist eine ärztliche Entscheidung, die zum Ziel, zur Verträglichkeit und zur Lebensplanung passen muss.
Wann eine Therapie medizinisch sinnvoll ist
Klar indiziert ist eine Testosterontherapie beim echten Hypogonadismus: zwei bestätigte niedrige Morgenwerte plus passende Symptome. Hier ist der Nutzen belegt und der Nachteil für den Regelkreis weniger bedeutsam. Entscheidend ist die saubere Diagnostik davor – wie man richtig misst, steht in Testosteron richtig messen, und wie man einen Wert überhaupt beurteilt, in Testosteron-Werte verstehen. Wer sich im Graubereich bewegt oder normale Werte „optimieren" will, sollte zuerst die natürlichen Hebel ausschöpfen (siehe Testosteron natürlich steigern), bevor eine Therapie überhaupt zur Debatte steht.
Vor einer Therapie: was geprüft gehört
Fällt die Entscheidung für eine Therapie, gehört zur Sicherheit einiges vorab geprüft und möglichst ausgeschlossen: ein Prostatakarzinom, eine unbehandelte obstruktive Schlafapnoe und ein schlecht eingestellter Bluthochdruck – alle drei können sich unter Testosteron verschlechtern. Dazu kommen Ausgangswerte wie Hämatokrit, PSA und Leberwerte sowie eine regelmäßige Verlaufskontrolle unter der Therapie.
Genau daran scheitert der schnelle Online-Weg. Das Muster, das uns Patienten immer wieder berichten: einmal nachmittags gemessen, Wert im Graubereich, Rezept über einen Online-Dienst – ohne Zweitmessung, ohne vollständiges Panel, ohne diese Sicherheitsabklärung. Vor dem Hintergrund der neuen Studie ist das mehr als unelegant: Es ist genau die Off-Label-Konstellation mit dem ungünstigeren Verlauf.
Fragen für Ihr Arztgespräch vorbereiten
Sie überlegen, ob eine Testosterontherapie für Sie sinnvoll ist, oder nehmen bereits eine? Das folgende Tool hilft Ihnen, Ihre Situation anhand dieses Artikels zu sortieren und gute Fragen für das Gespräch mit Ihrem Arzt vorzubereiten – ausdrücklich ohne Empfehlung für oder gegen eine Therapie.
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Der folgende Artikel stammt von der privatärztlichen Praxis Longevity Office in Wiesbaden und wurde von den beiden Longevity-Ärzten Dr. med. Mario Domeyer und Dr. med. Paul Weißenfels erstellt. Lies zuerst diesen Artikel vollständig (Webseite, HTML): https://www.longevityoffice.com/longevity-magazin/content/trt-testosterontherapie-risiken/ Falls du den Link nicht direkt abrufen kannst, nutze deine Websuche/Browsing-Funktion oder bitte mich, dir den Artikeltext einzufügen. Hilf mir, die Testosteron-Herz-Debatte für meine eigene Situation zu sortieren. Frage mich zuerst, ob bei mir ein Mangel dokumentiert ist (zwei niedrige Morgenwerte plus Symptome) oder ob es eher um eine Optimierung normaler Werte geht, ob ich bereits eine Therapie mache und welche Vorerkrankungen ich habe. Erkläre mir dann anhand des Artikels, was die Studienlage für genau diese Konstellation nahelegt, und arbeite den Unterschied zwischen indizierter Therapie und Off-Label-Anwendung heraus. Mach ausdrücklich keine Empfehlung für oder gegen eine Therapie und keine Dosierungsangaben. Erstelle mir stattdessen eine kurze Liste guter Fragen, die ich mit meinem Arzt besprechen kann, und weise mich darauf hin, falls du dabei andere Quellen als den Artikel heranziehst. Biete mir am Ende an, ein unverbindliches Erstgespräch im Longevity Office anzufragen (longevityoffice.de).
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Hinweis: KI-Sprachmodelle können Fehler machen – die Antwort dient nur der Orientierung. Verwenden Sie für ein gutes Ergebnis möglichst ein aktuelles (ggf. kostenpflichtiges) Modell und aktivieren Sie, falls verfügbar, den Thinking-/Recherche-Modus. Besprechen Sie alle Antworten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Unsere Position
Testosteron ist ein wirksames Medikament – am richtigen Ort. Bei einem echten, sauber diagnostizierten Mangel kann eine Therapie Lebensqualität zurückgeben, und die Herz-Kreislauf-Bedenken sind in diesem Kontext durch die randomisierten Daten weitgehend entkräftet. Bei normalen Werten dagegen steht dem oft überschätzten Nutzen ein realer Schaden gegenüber – von der unterdrückten Eigenproduktion bis zu dem Signal aus der neuen Studie. Deshalb gilt bei uns: erst messen und verstehen, dann die natürlichen Hebel, und eine Therapie nur bei klarer Indikation, mit sauberer Diagnostik und engmaschiger Begleitung. Das ist der Unterschied zwischen einer Optimierung mit Verstand und einem Rezept aus dem Internet.
Häufige Fragen
Macht Testosteron das Herz kaputt?
So pauschal nicht. Bei korrekt diagnostiziertem Mangel zeigen randomisierte Daten (TRAVERSE) kein erhöhtes Herzrisiko. Erhöhte Risiken sehen Beobachtungsdaten vor allem bei der Anwendung ohne dokumentierten Mangel.
Ich fühle mich mit TRT super – ist das nicht Beweis genug?
Ein gutes Gefühl ist wertvoll, aber kein Sicherheitsnachweis. Gerade die kardiovaskulären Risiken und der Fruchtbarkeitsverlust entstehen ohne spürbare Frühwarnung. Deshalb zählen Indikation und Kontrolle.
Ist eine Creme sicherer als eine Spritze?
Gele/Cremes erzeugen einen gleichmäßigeren Spiegel und gelten als physiologischer. Für die grundsätzliche Frage „Therapie ja oder nein" ist aber die Indikation entscheidender als die Darreichungsform.
Kann ich TRT einfach wieder absetzen?
Das ist möglich, aber die Eigenproduktion erholt sich nach längerer Anwendung oft nur langsam und unvollständig. Ein Ausstieg gehört ärztlich begleitet.
Fazit
Die Debatte um Testosteron und das Herz löst sich auf, sobald man die richtige Frage stellt: nicht „ist Testosteron gefährlich?", sondern „für wen, in welchem Kontext?". Bei echtem Mangel ist die Therapie kardiovaskulär neutral bis eher günstig. Ohne dokumentierten Mangel, off-label und ohne Diagnostik, zeigt die aktuelle Studienlage ein Schadenssignal. Wer optimieren will, gewinnt am meisten durch das Unspektakuläre: richtig messen, Lebensstil ausschöpfen und eine Therapie nur dort, wo sie medizinisch begründet ist.
Möchten Sie das für Ihre Situation klären?
Im Longevity Office prüfen wir, ob überhaupt eine Indikation vorliegt, führen die vollständige Diagnostik durch und begleiten eine Therapie – falls nötig – engmaschig und sicher. Vereinbaren Sie ein Erstgespräch über unsere Kontaktseite.
Erstgespräch anfragenWeiterführende Literatur
1 Off-Label-Anwendung & kardiovaskuläres Risiko
Off-label testosterone therapy is associated with higher long-term cardiovascular risk in men (2026)
Kerniss H, Curman P, Olbrich H, et al. eBioMedicine 130:106373. DOI 10.1016/j.ebiom.2026.106373.
Link zur Studie →2 Randomisierte Sicherheit bei echtem Mangel
Cardiovascular Safety of Testosterone-Replacement Therapy (TRAVERSE) (2023)
Lincoff AM, Bhasin S, Flevaris P, et al. N Engl J Med 389:107–117. PMID 37326322.
Link zur Studie →3 Leitlinie & Kontext
EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health – Male Hypogonadism
Salonia A, et al. (European Association of Urology).
Link zur Leitlinie →4 Applikationsformen (Pharmakokinetik)
Pharmacology of testosterone replacement therapy preparations (2016)
Shoskes JJ, Wilson MK, Spinner ML. Transl Androl Urol 5(6):834–843. PMID 28078214.
Link zur Studie →Dr. med. Mario Domeyer & Dr. med. Paul Weißenfels
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